Putins Spionenhelden und eine düstere Warnung.

Posted Donnerstag, 29. Juli 2010 00:30 by Jens_Siegert

In Russland und den USA gab es völlig unterschiedliche Reaktionen auf die Festnahme der russischen Spione in den USA und den wohl schnellsten Agentenaustausch der Geschichte. Das russische Außenministerium dementierte zuerst energischst (da kamen sowohl alte Erfahrung als auch alte Reflexe zum Zuge). Russland habe damit nichts zu tun, alles „Provokation" (Lieblingswort!). Doch dann besann man sich schnell und holte die „Landsleute", die kurz zuvor noch verleugnet worden waren, zurück „in die Heimat".

Hier wurden sie mit einer Mischung aus Spott und Hochachtung empfangen. Während für die meisten Menschen im Westen „Spione" vor allem Unterhaltungsqualitäten haben, umgibt die „Kämpfer an der unsichtbaren Front" in Russland auch weiter eine Aura des Heldischen. Während in den Spionageromanen John le Carrés das Agentengewerbe ironisch-anrüchig daherkommt, mit vielen kaputten Typen und meist finsteren Hintermännern, ruft die russisch-sowjetische Folklore Erinnerungsassoziationen aus präadoleszenten Männerheldenphantasien hervor.  

Das Genre des Agentenfilms war in der Sowjetunion ein ganz besonderes, staatstragendes und den Staat trug der KGB. Der sowjetische Spion „Stirlitz", der im Frühjahr 1945 als Sturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt einen Separatfrieden Himmlers mit den Westalliierten verhindert, ist eine chrestomatische Figur, die jeder kennt und jeder liebt. Zudem ist die 12-teilige Fernsehserie, die auf Anordnung von KGB-Chef Jurij Andropov Ende der 1970er Jahre entstand, um das Ansehen des KGB in der Sowjetunion zu verbessern, ein wahnsinnig gutes Filmwerk mit exzellenten Schauspielleistungen und einer gleichzeitig langsamen wie spannenden Erzählstruktur, die sich heutzutage kaum noch jemand leisten kann (dem Vernehmen nach soll die Produktion der Serie den Jahresetat für Fernsehfilme des sowjetischen Staatsfernsehens verschlungen haben). Spion Stirlitz ist derart populär, dass es noch heute Webseiten mit Hunderten von Stirlitz-Witzen gibt.  

Doch - trotz all meiner Begeisterung für Stirlitz - zurück in die Gegenwart. An das eben beschriebene Sentiment (das natürlich eng verknüpft ist mit der immer noch sehr wirksamen stalinschen und bis vor kurzem auch von Putin bedienten Konzeption von der „belagerten" und „von Feinden umringten" Festung Russland in einer darwinistisch-haifischbeckenartigen Welt) knüpfte Premierminister Putin am vergangenen Wochenende an, als er in einer sentimentalen Show von den HeimkehrerInnen sprach: „Sie hatten ein sehr schwieriges Schicksal. Sie mussten viele, viele Jahre lang für ihr Vaterland kämpfen, ohne diplomatische Rückendeckung, indem sie sich und ihre Angehörigen hohen Risiken aussetzten." Gleichzeitig versprach er den Ausgetauschten gute Jobs und eine „lichte" Zukunft.  

Das muss man nun zu erklären versuchen. Normalerweise versucht sich Putin von Misserfolgen zu distanzieren. Das ist eines seine Regierungsprinzipien: Die Erfolge für den Mann (oder seit zwei Jahren: die beiden Männer) oben, die Verantwortung für Misserfolge tragen die Unterlinge. Zur Erklärung ist noch ein kleiner Exkurs nötig, diesmal in die Geschichte der russischen Auslandsspionage seit dem Ende der Sowjetunion.    

Noch im Dezember 1991 begann der russische Präsident Boris Jelzin den alten, sowjetischen KGB zu zerschlagen. Der erste Schritt war die Auslösung eines eigenen Geheimdienstes für Spionage und Gegenspionage unter der Bezeichnung „Dienst für Auslandsaufklärung" (russisch: „Sluzhba Wnezhnoj Raswedki" oder abgekürzt SWR). Erster Chef wurde Jewgenij Primakow, ein Arabist. Damit war auch die neue Orientierung der neuen russischen Spione symbolisiert: Nicht mehr nach Westen, sondern in die unruhige Krisenregion des Nahen und Mittleren Osten. Primakow besetzte Schlüsselpositionen mit seinen Vertrauensleuten, meist ebenfalls Spezialisten für eher östliche und südliche Weltregionen.   

Nachdem Wladimir Putin Anfang 2000 Präsident geworden war, ernannte er Sergej Lebedew zum Nachnachfolger von Primakow (der 1996 Außen und 1998 Premierminister geworden war). Mit Lebedew beginnt einer erneute Umorientierung, zurück Richtung Westen. Lebedew selbst ist Deutschland-Spezialist mit vielen „Dienstreisen" dorthin, wie es beschönigend im Russischen auch für Spionageposten im Ausland heißt. Westliche Geheimdienste (so der deutsche, der britische und der US-amerikanische) melden schon 2001 erhöhte Aktivitäten von SWR-Agenten in ihren Ländern. Im März 2001 weisen die USA 50 russische Diplomaten unter Spionageverdacht aus. Nur ein paar Tage später beschwert sich der britische Premier bei Putin über die rührigen russischen Spione. Wieder einige Tage darauf Reportiert der BND, die Spionagetätigkeit aus russischen diplomatischen Vertretungen habe stark zugenommen.  

Zwar brachten die Anschläge vom 11. September 2001 und Putins Solidarisierung mit den USA eine kleine Spionageverschnaufpause, aber nur eine kleine. Der Jahresberciht des BND von 2008 rechnet den Großteil ausländischer Spione in Deutschland Russland und China zu. Hauptziel sei Wirtschaftsspionage. Das hätte keine Überraschung sein dürfen (und war es für Fachleute wohl auch nicht). Putin hatte ein Jahr zuvor öffentlich erklärt, „die Geheimdienste müssen aktiver die Interessen unser Unternehmen im Ausland verteidigen". Vorneverteidigung war schon ein weit verbreitetes (militärisches) Konzept im Kalten Krieg.  

Trotz der beschriebenen Rückorientierung des SWR Richtung Westen passen aber die nun in den USA enttarnten Spione nicht in dieses Schema. Erfolgreiche Wirtschaftsspionage sieht anders aus. Und auch politische und militärische Erkenntnisse oder geheime Erkenntnisse über politische und militärische Vorhaben anderer Länder werden heute anders erworben. Schläfer mit falscher Identität machten im Kalten Krieg Sinn, als die Grenzen wenig durchlässig und Russen im Westen oder noch mehr Westler in der Sowjetunion an sich schon verdächtig waren. Heute sind sie teuer, unsicher und können, bei Entdeckung, wie jetzt peinlich werden.  

Putins besonderes Problem ist, dass es wohl seine Spione waren. Die Spionageaktionen wurden in einer Zeit gestartet, als Putin hohe Verantwortung im russischen Geheimdienst und später als Präsident trug. Entsprechend wird der Misserfolg auch ihm zugeschrieben (weniger öffentlich, das könnte gefährlich werden, als in privaten Gesprächen). Zudem macht man sich in Fachkreisen über alte Methoden und unprofessionelle Durchführung und Verhalten der Spione lustig.  

Putins herzliches Willkommen für die unfreiwillig frühen Heimkehrer zielt auf diese Kritik. Nach innen versucht er, Helden aus ihnen zu machen. Doch auch nach außen gab es am vergangenen Wochenende ein Signal. Putin gab erstmals zu, was in der US-Presse schon länger vermutet wird: Die Spione sind aufgrund der Informationen eines abgeworbenen russischen Agenten aufgeflogen. Ihm drohte er, ohne einen Namen zu nennen, sein Leben werde schlecht enden. Doch der Mann hat einen Namen. Er heißt Sergej Tretjakow, Oberst des SWR und 2000, damals arbeitete an der russischen Mission bei den Vereinten Nationen, übergelaufen. Sergej Tretjakow dürfte künftig öfter über Alexander Litwinenko nachdenken. Liwinenko, auch russischer Ex-Spion, war 2006 in London vergiftet worden. Die russisch-britischen Beziehungen beginnen sich gerade erst von diesem Skandal zu erholen.